Die Wühlkiste
I

In diesen Tagen denke ich viel über die Menschen nach, die mich umgeben. Eine Geschichte fällt mir immer wieder ein. Mir wird bewußt, dass ich dieses Gleichnis immer wieder erzähle, wenn ich gefragt werde, warum in Berlin so viele Singles leben. Dann erzähle ich die Geschichte der Bücherwühlkiste:

Kennst Du das? Du liest gern und stehst in einem Bücherladen vor einer riesigen Kiste durcheinander gewürfelter Bücher. Alle haben einen Stempel auf der Unterseite: „Mängelexemplar“. Du schaust auf die Büchertitel, findest Ingrid Noll, John Grisham oder irgendeinen anderen tollen Buchautoren und denkst: „Das ist doch kein Mängelexemplar.“ oder „Das Buch ist doch erst im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen.“

Also nimmst Du dieses Buch in die Hand, und legst es vielleicht auf den Rand dieser Wühlkiste. In Sichtweite, doch nicht mehr direkt in Deiner Hand. Während Du dich zum Einen darauf freust, dieses Buch demnächst zu lesen, wühlst Du weiter in dieser Bücherwühlkiste. Du sagst Dir: „Da, wo dieser Bestseller zu finden ist, gibt’s doch bestimmt noch mehr!“ Du wühlst und wühlst, versuchst systematisch vorzugehen: Von Links nach rechts, von oben nach unten. Dein Blick verjüngt sich auf die Buchrücken. Du verbringst lange Zeit vor dieser Bücherwühlkiste, bis Du schließlich am Boden dieser Kiste ankommst. Du stellst fest, dass du wohl doch den einen Bestseller ganz am Anfang gefunden hast und nur noch Mängelexemplare in dieser Wühlkiste zu finden sind.

Doch während Dein Blick panisch auf diese eine Ecke wandert, in der Du den ersten Beststeller abgelegt hast, stellst Du plötzlich fest: Er ist weg. Ein anderer hat ihn sich geschnappt. Und plötzlich stehst Du da wie ein entscheidungsunfähiger Depp, vor dieser riesigen durchgewühlten Kiste voller Mängelexemplare.

Der Singlemarkt in Berlin ist genau wie eine solche Bücherwühlkiste: Alle Singles suchen immer nach diesem einen, diesem perfekten Beststeller. Dem- oder Derjenigen, bei der einfach alles stimmt. Ein ehemaliger Arbeitskollege prägte mal den Begriff des „promovierten Porno-Models“, das alle suchen: Intelligent. Gut im Bett. Unschlagbar gutaussehend.

Doch die traurige Wahrheit ist: Das gibt es – fast – nicht. Und diejenigen, die einen solchen Bestseller gefunden haben, lassen ihn nicht mehr los. Und deshalb ist meinen Rat an all die Singles, die in Bücherkisten mit Mängelexemplaren wühlen: Findest Du einen Bestseller: Nimm ihn, und geh’ zur Kasse.

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